Ende September haben mein Partner und ich uns einer ganz besonderen Herausforderung gestellt: dem West Coast Trail auf Vancouver Island in Kanada. Es wurden sieben unvergessliche Tage voller rauer Natur und absoluter Abgeschiedenheit.
Von Süd nach Nord
Wir haben uns dafür entschieden, die Route von Süden nach Norden zu laufen. Das bedeutet, dass man direkt mit dem anspruchsvollsten Teil startet. Die ersten Tage sind geprägt von Höhenunterschieden, endlos vielen Leitern und Wegen, die nicht langweilig geradeaus gehen.
Ab der zweiten Hälfte werden die Pfade dann zunehmend breiter, flacher und einfacher zu laufen. So hatten wir die schwersten Etappen noch mit voller Energie hinter uns gebracht und konnten die etwas sanfteren Abschnitte am Ende genießen.
Dschungel, Schlamm und autogroße Felsen
Wie der Name des West Coast Trails sagt, läuft man fast kontinuierlich an der Küste entlang, wechselt aber ständig das Terrain. Mal durch dichten Dschungel, mal stapft man kilometerweit über tiefen Sandstrand – was unglaublich viel Kraft kosten kann.
Zwei Etappen habe ich besonders abenteuerlich in Erinnerung: Zum einen die riesigen, teilweise autogroßen Felsbrocken am Strand, über die man teilweise klettern muss. Zum anderen die tiefen Schlammlöcher im Wald nach einer regnerischen Nacht. Dazu kommen die manuellen Seilbahnen, mit denen man sich aus eigener Kraft über breite Flüsse ziehen muss.
Besonders aufpassen sollte man bei starkem Regen: Bei uns entstand nach einer regnerischen Nacht ein breiter Fluss am Ufer mit starker Strömung, der sehr viel Kraft einforderte.
„Mal durch dichten Dschungel, mal kilometerweit über tiefen Sandstrand – der West Coast Trail ist ein ständiger Wechsel zwischen Welten."
Der Rhythmus der Gezeiten
Ein Faktor, den man auf keinen Fall unterschätzen darf, sind Ebbe und Flut. Für viele Strandabschnitte gibt es strikte Zeitfenster. Man muss die Gezeitentabellen genau lesen und seine Etappen so planen, dass man bestimmte Passagen bei Ebbe erreicht, da der Weg sonst schlichtweg vom Meer verschluckt wird. Dies wird einem gut bei der Einweisung in den Nationalpark erklärt.
Strand-Camping und Lagerfeuer-Romantik
Die ausgewiesenen Zeltplätze liegen alle direkt oder fast direkt am Strand. Jeder einzelne davon ist wunderschön und bietet meist einen kleinen Süßwasserbach in der Nähe, aus dem man Wasser zum Kochen und Filtern schöpfen kann.
Da wir ganz am Ende der Saison im Herbst unterwegs waren, hielt sich der Andrang in Grenzen. Auf den größeren Zeltplätzen hatten wir zwar Gesellschaft, aber in einer Nacht teilten wir uns den Strand nur mit einem weiteren Zelt. Eine andere Nacht waren wir sogar komplett alleine – wir machten uns ein Lagerfeuer direkt am Meer. Einfach wunderschön.
Tierische Begegnungen
Ein zusätzliches Highlight auf dem Trail war die Tierwelt. Wer in der kanadischen Wildnis unterwegs ist, muss immer mit Bären rechnen. Wir haben deutliche Bärenspuren im Sand entdeckt, hatten aber keinen direkten Kontakt. Tragen eines Bärensprays ist empfohlen, und besondere Vorsicht bei der Lagerung von Essen ist Pflicht.
Auf der letzten Etappe wurden wir dann noch einmal richtig belohnt: Wir konnten Seelöwen beobachten – ein absolut beeindruckendes Erlebnis. Dazu begleiteten uns unzählige Möwen und andere Küstenvögel.
Ausrüstung & Verpflegung
Eine Tour von sieben Tagen bedeutet auch: Man muss Nahrung für eine ganze Woche auf dem Rücken tragen. Für sieben Tage die komplette, in meinem Fall rein vegane, Trekking-Verpflegung gut durchzuplanen, war eine Herausforderung – hat aber super funktioniert.
- Hauptmahlzeiten: Travellunch (vegane Varianten)
- Hochwertiges, wasserdichtes Equipment ist ein Muss
- Bärenspray immer griffbereit tragen
- Gezeitentabellen täglich checken
- Halbzeit-Hütte auf der Strecke nutzen – wärmen, trocknen, erholen
Anreise und Logistik
Die Logistik klingt komplizierter, als sie ist. Wir sind vorab nach Vancouver gereist, haben dort eine Nacht verbracht und von dort den Shuttlebus zum Startpunkt genommen. Auch für die Rückreise nach dem Trail haben wir wieder den Shuttlebus genutzt. Plant hierfür genügend Zeit ein – der Bus fährt eine Weile durch den Nationalpark.
„Der West Coast Trail fordert einen körperlich wie mental heraus. Aber die einzigartige, unberührte Natur zwischen Dschungel und Ozean ist es definitiv wert."